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Episode 19

Helmond: Noch ein Spion?

Es war nicht ratsam, sich bei meinem Großvater Theo Hespers in Helmond blicken zu lassen. Und doch haben es einige versucht. Einer davon war Hubert Giffels, ebenfalls Mitglied der bündischen Jugend. Mein […]

Ein ausgeschnittenes Bild zeigt meinen Vater mit ca. 5 Jahren. Darunter ist handschriftlich in Druckbuchstaben vermerkt: HELMOND etwa 1935/36.

Es war nicht ratsam, sich bei meinem Großvater Theo Hespers in Helmond blicken zu lassen. Und doch haben es einige versucht. Einer davon war Hubert Giffels, ebenfalls Mitglied der bündischen Jugend. Mein Vater erinnert sich seltsamerweise ziemlich genau an diesen Besuch. Vielleicht liegt es tatsächlich daran, dass die Zeit in Helmond ansonsten so ereignislos war.

Wenn mein Vater nicht draußen am Kanal war, um den Wasserratten zuzusehen, hat er manchmal einfach aus dem Fenster gestarrt, in der Hoffnung, irgendetwas zu sehen. Vielleicht kam ja sein Opa zu Besuch aus Mönchengladbach? Der Vater von Theo Hespers war zwar nicht begeistert von den Aktivitäten seines Sohnes. Aber mein Vater war sein erster und bis dahin einziger Enkel. Und den wollte er nun mal besuchen. Er kam nicht oft und sein gesundheitlicher Zustand verschlechterte sich zusehends, aber er kam.

An diesem einen Tag sollte es aber ein anderer sein, der den Weg von Mönchengladbach nach Helmond auf sich genommen hatte. Hubert Giffels, genannt Tutti. Er kannte meinen Großvater Theo noch aus der Zeit, bevor die Nazis an die Macht kamen. Die beiden waren zusammen im Quickborn. Natürlich wusste mein Vater nicht, wen er da draußen sah. Er sah einfach nur einen Mann. Und dieser Mann verschwand blitzartig hinter einem Baum, als er den kleinen Dieter oben im Fenster entdeckte.

Aber warum versteckt sich jemand vor einem kleinen Kind? Als ich meinem Vater die Frage stelle, merke ich sofort, dass er mich für komplett naiv hält. Und als er es mir erklärt, komme ich mir gleich ein bisschen dämlich vor. Denn natürlich ist es gefährlich, wenn plötzlich ein kleiner Kerl im Fenster auf die Idee kommt, lautstark seine Eltern zu informieren, dass da ein Onkel auf der Straße ist. Daran hatte ich nicht gedacht. Aber wie auch. Ich lebe ja nicht in einer Zeit, in der ich mich verstecken muss.

Gefährliche Besuche

Wie gefährlich der Besuch von Hubert Giffels alias Tutti bei meinem Großvater war, beweist diese kleine Anekdote meines Vaters:

„Der Tutti Giffels, der war ja im Auswärtigen Amt tätig, der war ja Diplomat. Und die [von der Gestapo, Anm. d. Autorin] wussten genau, dass der meinen Vatter besucht hatte in Holland. Und dann fragten sie die [meine Oma, Anm. d. Autorin]: Was wollte eigentlich der Herr Giffels bei ihnen? Wenn die gesagt hätte, der wollte mit ihm politisch arbeiten, dann wäre der fertig gewesen, dann hätten sie den aus dem Amt rausgenommen und ins KZ geschmissen. Nein sagte sie, jaaaa – der wollte meinen Mann für die Vorzüge des Nationalsozialismus begeistern. Das brachte die so raus! In der Beziehung war die unheimlich schlagfertig! Schlechte Volksschulausbildung. Die war nicht total einfältig.“

Interview mit meinem Vater vom 26.12.2014

Was diese Passage noch verrät: meine Oma hatte durchaus ihre Qualitäten. Sie war vielleicht als Hausfrau und Mutter nicht sonderlich zu gebrauchen und besonders sprachbegabt war sie auch nicht, aber auf ihre Weise war sie blitzgescheit. Und das, obwohl sie sich nie für die Arbeit meines Großvaters interessiert hat, geschweige denn genau wusste, was ihr Mann da trieb. Aber ich schätze, in den Gesprächen und Diskussionen meines Großvaters mit seinen Freunden hat sie genug aufgeschnappt, um zu wissen, worauf es ankommt.

Die Anekdote wirft aber noch eine ganz andere Frage auf. Woher zum Geier wusste die Gestapo, dass Hubert Giffels dieses eine Mal in Helmond war? Woher? Denn es war ja kaum jemand in Helmond zu Besuch, der es hätte erzählen können. Es kann darauf eigentlich nur eine Antwort geben – mein Großvater wurde in irgendeiner Form beschattet. Das wäre zum einen nicht das erste Mal, denn auch in Roermond wurde bereits ein Spitzel auf meinen Großvater angesetzt. Zum anderen existierte seit dem 30. März 1935 ganz offiziell ein Haftbefehl gegen meinen Großvater „wegen Vorbereitung zum Hochverrat“ – ausgestellt vom Amtsgericht in Mönchengladbach und vom Oberlandesgericht Hamm ins deutsche Fahndungsbuch eingetragen. Zum gleichen Zeitpunkt wurde auch ein Haftbefehl gegen seinen Freund Max Behretz erlassen. Es gab also allen Grund, einen Spitzel auf meinen Großvater anzusetzen.

Ein Fotograf aus gutem Hause

Mein Vater hat einen Verdacht, wer dieser Spion gewesen sein könnte. Denn es gab nur einen einzigen Menschen, mit dem mein Großvater in der Zeit in Helmond regelmäßig Kontakt hatte. Beziehungsweise die Familie Hespers – alles andere machte mein Großvater ja ohne seine Familie. Dieser Mensch war ein deutscher Fotograf mit Namen Sabielni. Den Vornamen hat mein Vater nicht behalten und ich weiß nicht mal, wie man das richtig schreibt. Aber dieser Mann mit Namen Sabielni lud meinen Großvater Theo und seine Familie regelmäßig nach Eindhoven ein, wo er mit seiner Frau und einer Tochter lebte.

Es muss ein relativ enger Kontakt gewesen sein, denn mein Vater erinnert sich daran, dass er bei Familie Sabielni Weihnachten gefeiert hat. Welches Weihnachtsfest das war, weiß ich nicht. Es kann das Weihnachtsfest 1935 gewesen sein, als mein Vater und seine Familie noch in Helmond wohnten. Es kann aber auch danach gewesen sein, denn nur wenige Monate später ist mein Großvater mit seiner Familie ebenfalls nach Eindhoven gezogen. Von diesem Weihnachtsfest existiert ein Foto. Leider hat mein Vater das irgendwo in seinen Sachen verkramt – oder bei einem seiner Umzüge verloren.

Jedenfalls spielten mein Großvater und Sabielni zusammen Schach. Eine ziemlich gute Gelegenheit, um sich auch über politische Themen auszutauschen. Außerdem war meinem Großvater sehr daran gelegen, dass mein Vater mit anderen Kindern Kontakt hatte. Wie passend, dass Familie Sabielni ein Töchterchen in ähnlichem Alter hatte. Mein Vater erinnert sich aber nur ungern daran:

„Und dann musste ich mit dem Töchterchen immer zum Kindergarten. Bin ich zwei mal gewesen im Kindergarten, aber ich war kein Typ für den Kindergarten, ich passte da nicht hin. Also furchtbar fand ich das im Kindergarten. Wo man da so Flechtwerk aus Papier machen musste, so Papierstreifen schieben und so weiter. Nein, das fand ich schrecklich.“

Interview mit meinem Vater vom 25. März 2015

Nur ein Freundschaftsdienst?

Mein Vater im Alter von vier Jahren

Diese Bilder hat der Fotograf Sabielni gemacht.

Aber Herr Sabielni hat der Familie Hespers auch noch ein paar echte Erinnerungen dagelassen. Schließlich war er Fotograf. Und was liegt da näher, als die Familie eines guten Freundes zwischendurch auch mal abzulichten. So sind die einzigen Fotografien entstanden, die es aus der Zeit in Helmond gibt. Auf den Fotos sind mein Vater und meine Oma zu sehen. Aber es ist natürlich nicht auszuschließen, dass Sabielni auch Fotos von meinem Großvater gemacht hat. Fotos, die die Gestapo sicher gut gebrauchen konnte, denn auf dem Fahndungsfoto ist mein Großvater ungefähr 19 oder 20. Ich kann mir vorstellen, dass es seitens der Gestapo durchaus Interesse an aktuellerem Material gab.

Der einzige Haken an der Geschichte: Bislang kann ich das alles nicht beweisen. In den Unterlagen, die in Berlin liegen, gibt es diese Fotos nicht. Es ist nirgendwo die Rede von einem Sabielni oder einem Fotografen. Auf der anderen Seite ist das auch nicht gänzlich verwunderlich. Denn in späteren Akten werden die Namen der V-Männer ebenfalls verschlüsselt. Und auch an späterer Stelle ist von angeblichen Fotos die Rede, auf denen mein Großvater zu sehen sein soll. Nur, dass diese Fotos nirgendwo in den Akten auftauchen. Ich weiß nicht mal, ob ich jemals etwas zu dieser Geschichte finde. Aber mein Vater ist überzeugt davon, dass es so war. Er stützt sich dabei vor allem auf die Aussagen zweier Freunde aus Kindertagen – seine Kumpel Jantje und Fransje aus Eindhoven. Die erzählen ihm später nämlich folgendes:

„Sabielni ist nach dem Krieg in ein Straflager gekommen, weil er für die Nazis gearbeitet hatte. Haben mir meine Freunde gesagt! Frans Rossieau und Jan van den Eeden und da wusste ich genau Bescheid, da wusste ich genau Bescheid. Der ist nach Helmond gekommen und hat uns fotografiert, der hat uns fotografiert. Meine Mutter und mich und meinen Vater wahrscheinlich auch.“

Interview mit meinem Vater vom 25. März 2015

Drei Jungs zwischen sechs und acht Jahren - Schwarzweißfoto

Dieterompom (mein Vater), Jan van den Eeden und Frans Rossieau und in Eindhoven um 1936 (v.l.)

Solange ich keine weiteren Belege dafür finde, muss ich diese Geschichte trotzdem weiter in Zweifel ziehen. Aber ehrlich gesagt geht es mir auch gar nicht darum, hier Detektiv zu spielen und jemanden zu überführen. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen und was passiert ist, ist passiert. Es bleibt einfach ein unbehagliches Gefühl. Ich fühle irgendwie den Wunsch meines Großvaters, den Menschen zu vertrauen und prinzipiell erst mal an das Gute im Menschen zu glauben. Das macht ihn natürlich angreifbar. Und es zeigt auch, dass mein Großvater in den Augen der Nazis bereits ein Hochverräter war. Ein Feind des Reichs. Ich bin nicht sicher, ob meinem Großvater das zu diesem Zeitpunkt bereits in der Form bewusst war.

Also natürlich ist ihm bewusst, dass er gegen das Deutsche Reich arbeitet. Und natürlich ist ihm bewusst, dass das nicht besonders gern gesehen ist, und dass ihn deshalb in Deutschland eine harte Strafe erwartet. Aber vielleicht ist ihm nicht bewusst, dass die Nazis ihn auch jenseits der Maas weiter verfolgen würden. Ich kann das nur vermuten, aber vielleicht hat er sich zu diesem Zeitpunkt in Holland zu sicher gefühlt…

Personen:

Theo Hespers – mein Großvater

Dieter Hespers – mein Vater (auch Dietrich oder Dirk genannt)

Hubert Giffels – genannt Tutti, Freund von Theo aus dem Quickborn

Sabielni – Fotograf und mutmaßlicher Spion der Nazis

Jantje und Fransje – Spielkameraden meines Vaters aus Eindhoven

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Ein Auszug aus den Erinnerungen von Alfred Katzenstein aus der Haft im Gestapogefängnis in Düsseldorf. Daneben ein Portraitfoto von Alfred Katzenstein mit Anfang 20

Episode 24

Alfred und die Spitzel (1)

Alfred Katzenstein ist gerade mal 18 Jahre alt als er von der Gestapo in Mönchengladbach verhaftet wird. Er hat Flugblätter abgetippt und weiterverbreitet, die der Version der Nazis widersprechen, ein Kommunist hätte den Reichtag angezündet. Im Gefängnis erhält Alfred überlebenswichtige Tipps.

zur Folge

15-05-2016
Der junge Alfred Katzenstein 1934 bei meinem Großvater in den Niederlanden. Ein Portraitfoto und ein Foto, das ihn von der Seite zeigt. Ein junger Mann Anfang 20 mit kurzen dunkeln Locken.

Episode 25

Alfred und die Spitzel (2)

Der junge Alfred Katzenstein wird von seinem Vater aus dem Gefängnis in Mönchengladbach freigekauft. Bei Verwandten in Frankreich soll er in Sicherheit gebracht werden. Aber Alfred hat andere Pläne. Er geht nach Paris, um sich dort politisch zu engagieren – und wird erneut verhaftet …

zur Folge

01-06-2016
Ein Gruppenfoto von einer Quickborn-Gruppe in Mönchengladbach. In der Mitte thront beinahe Aenne Hespers, die ältere Schwester von Theo Hespers, der hinter ihr keck in die Kamera schaut. Er trägt ein Barrett und hält die Ecke eines Wimpels so, dass das Wappen auf dem Banner der Gruppe besser zu erkennen ist.

Episode 7

Ein Leben in Freiheit

Wir halten das oft für selbstverständlich. Ein Leben in Freiheit. Ein Leben mit allen Freiheiten. Ein Leben, für das die Jugend zur Zeit meines Großvaters noch ziemlich kämpfen musste. Das waren ganz seltsame Anwandlungen, die die jungen Leute da damals hatten. Ich will euch nicht unnötig auf die Folter spannen, aber für mich war es wichtig einordnen zu können, wie mein Großvater tickte – und woher er seine Ideen hatte. Deshalb will ich euch kurz entführen in die 1920-30er Jahre – die große Zeit der Bündischen Jugend.

zur Folge

14-01-2015

Lesungen & Vorträge

  • 10. März 2024, um 11 Uhr in Wuppertal (genauere Infos folgen)
  • 21. März 2024, 18 Uhr, Buchmesse Leipzig
  • 7. Mai 2024, Fritz-Bauer-Forum, Bochum
  • 19. Mai 2024, EL-DE-Haus, Köln
  • 8. Juli 2024, Herford

Weitere Lesungen für 2024 sind ebenfalls in Planung. Zum Beispiel in Göttingen, Heidelberg, Augsburg und München.